Sommerhaus mit Swimmingpool – Buchempfehlung des Monats von Frau Dinsing

 

Der Roman „Sommerhaus mit Swimmingpool“ wurde von dem niederländischen Autor Herman Koch 2011 bei Kiepenheuer & Witsch (KiWi) veröffentlicht. Nach seinem Bestseller „Angerichtet“ von 2009 war es sein zweiter derartiger Roman.

Die Hauptfigur ist Familienvater und Allgemeinmediziner Marc Schlösser. Mit seiner Frau Caroline und seinen zwei jugendlichen Töchtern führt er ein halbwegs normales Leben: Gelangweilt von seinem Job und dem täglichen Kontakt zu eintönigen Menschen mit den immer gleichen Problemen, auf der unaufrichtigen Suche nach neuen Abenteuern.

Durchbrochen wird diese Tristesse von der Beleidigung des Hausarztes durch die Witwe Judith Meier. Vor seinen wartenden Patienten stürmt sie aufgebracht in seine Praxis und bezeichnet ihn als Mörder. Wie kam es zu dem Tod ihres Mannes? Gibt es wirklich einen Mörder? Und kann ein Arzt, der nach bestem Wissen und Gewissen handelt der Täter sein?

Wie es dazu kommen konnte, erklärt Herman Koch nach und nach in seinem Roman.

Es beginnt mit einer neuen Freundschaft zu Ralph und Judith Meier, selbst Eltern zweier Söhne, die frischen Wind in das eintönige Leben der Familie Schlösser bringt. Warum genau diese Familie sich in das Leben des Protagonisten einmischen kann, stellt die erste von vielen moralischen Fragestellungen dar. Ist es, um etwas Neues zu erleben? Um der Familie wieder etwas bieten zu können? Um jemanden im Umfeld zu haben, den man moralisch so fragwürdig findet, dass man sich selber besser fühlt? Oder wegen einfacher sexueller Anziehung zu einer verheirateten Frau?

Ein gemeinsamer Urlaub in einem „Ferienhaus mit Swimmingpool“ soll also Abwechslung für alle bringen. Beide vierköpfigen Familien und ein skurriles amerikanisches Pärchen verbringen hier eine Zeit, die geprägt ist von versuchter Leichtigkeit, Scheinheiligkeit und seltsamen Ereignissen. Münden tun diese Ereignisse darin, dass eine seiner beiden jugendlichen Töchter verstört und ohne Erinnerungen nachts am Strand aufgefunden wird, offensichtlich Opfer eines sexualisierten Gewaltverbrechens.

Neben der Frage, inwieweit das persönliche Wohl mit dem der Familie konkurriert, beginnt hier der Umgang mit der zentralen moralischen Frage des Romans: Wer ist der Täter? Und was darf ein Familienvater tun, um seine Familie zu schützen, Unklarheiten aufzuklären und sich zu rächen?  Wo hört Liebe und Verantwortung auf und beginnt die Selbstjustiz?

 

Immer wieder schafft Herman Koch es, den Leser/die Leserin mit detaillierten Beschreibungen und emotionalen inneren Monologen tief in die Handlung und  das Innere der Charaktere eintauchen zu lassen. Die eindeutige, vermeintlich einfache Sprache steht im starken Kontrast zum Inhalt des Romans und macht die Doppeldeutigkeit klar. Eine vordergründige Familiengeschichte mit Elementen des Kriminalromans wird durch den doppelten Boden zu einem wahren Psychothriller. Immer wieder wähnt man sich nahe an der Lösung der Täterfrage im eigentlichen Sinne und wird durch eine unerwartete Wendung doch eines besseren belehrt.  Dabei wird sogar der Begriff des Täters immer multiperspektivischer. Lässt man sich auf den Roman ein, kommt man nicht umhin, seine eigenen moralischen Vorstellungen zu benennen und immer und immer wieder zu hinterfragen. So wird aus einem scheinbar kurzweiligen Roman ein Impuls zum Nachdenken über Recht und Moral.

Demnach eignet sich der Roman von Herman Koch weniger für ein kurzweiliges Lesevergnügen im Sinne eines kurzen Drüberlesens. Man muss die Doppeldeutigkeit annehmen und sich mit der eigenen Moral auseinandersetzen wollen, um Spaß an dieser fingierten Situation zu bekommen.

Wenn du Spaß an Diskussionen über klassische Dilemma-Situationen hast und es dir zutraust, über deinen eigenen Horizont etwas hinauszublicken, ist dieser Roman genau das Richtige für dich.

Hinweis: Es macht noch mehr Spaß, wenn jemand anderes den Roman ebenfalls gelesen hat, sodass man jemanden hat, mit dem man auf der gleichen Grundlage diskutieren kann. Hier werden nach und nach immer wieder neue Fragen aufgeworfen werden und neue Impulse erscheinen, die einem beim eigenen Lesen entgangen sind.

 

 

 

 

 

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